Pfarramt

Pfarrer Gregor Majetny präsentiert die Chronik der Pfarrkirche Bad Fischau-Brunn in 6 Fortsetzungen von Herrn DDr. Peter Marginter. (September 2002)

1. Teil

Unsere Kirche ist ein gutes Beispiel, wie rasch das Vergangene aus dem Blickfeld verschwindet, wenn Zeugnisse dafür nicht mehr gegenwärtig sind: Vieles ist möglich, manches wahrscheinlich, weniges sicher. Erst seit 1977, nachdem das Mauerwerk aus sauber behauenen Steinen freigelegt worden war, wissen wir, dass zumindest das Langhaus um gut 600 Jahre älter als die 200 Jahre ist, von denen man zuletzt ausgegangen war. Dieser Teil reicht zurück in die Zeit, als überall in Europa die Benediktiner und Zisterzienser ihre prächtigen Klöster in demselben romanischen Stil bauten, der auch die viel bescheidenere Kirche in Vischah geprägt hat.

Ob die Fürsten, die sich 1194 bei Vischah versammelt hatten, um die Gründung von Wiener Neustadt zu beschließen, in dieser Kirche die Messe gehört haben? Immerhin war dieses Vischah, dessen ausgedehnte Weinberge von mehreren Klöstern bewirtschaftet wurden, ein Ort von einiger Bedeutung. Es lag an einer alten Römerstraße und hatte vorübergehend einen wichtigen Markt und eine Münzstätte mit einem oder zwei festen Häusern, dem Berghof und dem Schloss. Wie die Kirche des für 1140 nachgewiesenen Archidiakons Reinberg ausgesehen hat, wissen wir freilich nicht, und aus den vorangegangenen Jahrhundert des Dunklen Mittelalters hören wir nur, dass es 875 eine Taufkirche gegeben hat, deren Vorgänger wahrscheinlich ein keltisches Quellheiligtum war. Diese Kirche ist freilich schon bald von den Magyaren zerstört worden. Auch die um 1200 erbaute Kirche hat bestimmt einen ganz anderen als den uns vertrauten Anblick geboten. Sie wird nicht besonders hell gewesen sein mit ihren oben in die Südwand eingeschnittenen Rundbogenfenstern, der anscheinend fensterlosen Nordwand und einer flachen Balkendecke. Im Osten, wo jetzt der Eingang ist, gab es eine an das Langhaus anschließende halbkreisförmige Apsis oder einen rechteckigen Chor für den Altar mit einem schmalen Fenster, und im Westen, wo jetzt der Hochaltar steht, möglicherweise einen gedrungenen Turm auf quadratischem Grundriss. Auf der Südseite war das Kirchentor, über dem in einem überwölbten Feld ein Fresko mit einem heiligen Martin freigelegt wurde, und darüber eine schlichtere Tür an der Nordseite; eine noch kleinere Tür im Süden dürfte für den Priester und die Ministranten der Zugang zum Altarbereich gewesen sein. Wir dürfen uns vorstellen, dass auch innen die Wände, wie sie damals üblich waren, zumindest da und dort mit Fresken geschmückt gewesen sind, vor allem die Schauseite der sogenannten Triumphpforte, durch die man vom Langhaus in den Altarraum gesehen hat.

2. Teil

Rund um die Kirche war der Friedhof mit einer starken Mauer, deren Reste daran erinnern, dass die ganze Anlage, zu der auch die Lagerung von Vorräten bestimmten Gaden gehörten, in unsicheren Zeiten als Zuflucht dienen sollte. Es ist gut möglich, dass der schmale Fußweg, der noch vor sechzig Jahren durch die Wiesen und Obstgärten zwischen Windbachgasse und Hauptstraße geführt hat, schon damals ein Zugang zur Kirche gewesen ist, mit einer kurzen Stiege zwischen den dortigen Häusern Hauptstraße 18 und 20. Wahrscheinlich hat es noch andere Zugänge gegeben, möglicherweise auch ein überdachtes Tor, unter dem vor einem Begräbnis der Sarg abgestellt und eingesegnet wurde. Über dem Häuflein von ärmlichen Bauernhäusern mit niedrigen Dächern war jedenfalls die Kirche nicht nur das wichtigste, sondern auch sichtbarste Gebäude des Orts und bestimmt der Stolz seiner Einwohner, fast eine kleine Burg.

Was alles mag unsere Kirche in ihren ersten 200 Jahren erlebt und überlebt haben? Ist sie in Mitleidenschaft gezogen worden, als Friedrich der Streitbare von der Burg Starhemberg aus den Rest seines Herrschaftsgebietes verteidigte? Ist sie abgebrannt bei einem der zahlreichen Brände, die beim Umgang mit offenen Feuern so oft ganze Dörfer verheerte? Ist sie schon damals von marodierenden Feinden ausgeraubt und zerstört worden? Vielleicht von der Vorhut der Mongolen des Kublai Chan, die das Land um Wiener Neustadt unsicher gemacht hat? Fragen über Fragen – und keine Antwort.

 

Standen von der Kirche nur mehr die Außenmauern, als die vier romanischen Rundbogenfenster zugemauert und stattdessen zwei Spitzbogenfenster in die Südwand gebrochen wurden? Die ebenfalls zugemauerten Öffnungen, die wir nun wieder sehen, waren vermutlich mit steinernem Maßwerk ausgefüllt, in das bereits Glas eingesetzt war. Im Winter hatte durch die alten Fenster wohl auch der Schnee hereingeweht, es genügte ja schon die Kälte, wie sie viele von uns noch am eigenen Leib gespürt haben. Abgesehen davon ist es aber wahrscheinlich nicht zuletzt darum gegangen, die Kirche dem neuen Stil der Gotik wenigstens mit dieser verhältnismäßig einfachen Änderung anzupassen. Auch unsere Johanneskapelle ist damals als Beinhaus und Andachtsraum für die Hinterbliebenen entstanden, und am Fuß der Emmering stand die Ulrichskapelle, von der vermutlich die Figur des Heiligen Ulrich stammt, die an der Außenmauer des Pfarrhofs zu sehen ist. Fischau war auch das Ziel von Fallfahrten, und dem Fischauer Wasser wurde eine wunderbare Wirkung bei Augenleiden zugesprochen. Mit der Verehrung des Heiligen Martin, dem Schutzpatron der Fischauer Kirche, wirkte das Archidiakonat Fischau bis tief ins Steirische hinein.

 

3. Teil

In Frankreich baute man schon seit etwa 1200, als unsere Kirche noch in der althergekommenen romanischen Bauweise errichtet wurde, im Stil der Gotik an den großen Kathedralen. Man hatte gelernt, anstelle von tragenden Mauern ein Skelett aus Säulen und schlanken „Rippen“ zu konstruieren, die den Druck eines Gewölbes auffingen und ableiteten, und diese technische Neuerung führte dazu, dass die Bauten ein ganz anderes Aussehen erhielten. Viele romanische Kirchen wurden um eine gotische Apsis erweitert oder überhauptgotisch umgestaltet und höher ausgebaut, wobei dann über der romanischen Westfassade ein kunstvolles Rosettenfenster eingefügt werden konnte. Unsere Kirche besaß allerdings auch weiterhin kein Gewölbe, höchstens eine halbe Kuppel über einer Apsis. Es war noch immer ein romanischer Bau mit nun gotischen Fenstern. Die großen Wandflächen,

die für erbauliche Bilder zur Verfügung gestanden hatten, waren von diesen Fenstern unterbrochen, und wir dürfen annehmen, dass sich auch sonst im Inneren einiges geändert haben wird, was sie Ausstattung betrifft. Einiges Schnitzwerk oder auch das eine oder andere Tafelbild wird dazugekommen sein, vielleicht sogar Nebenaltäre zu beiden Seiten der Triumphpforte. Der Bereich mit dem Hauptaltar, wo das heilige Geschehen stattfand, war aber von dem für das Laienvolk bestimmten Raum nach wie vor säuberlich getrennt, so wie man in vielen Kirchen nun vor dem Chor gern einen sogenannten Lettner einbaute. Noch das Speisgitter, das bis 1977 erhalten war, erinnerte an diese Grenze zwischen dem Heiligen und dem Profanen.

 

4. Teil

Als 1529 zum ersten Mal die Türken bis Wien vordrangen, brannten sie auch unsere Kirche nieder, und in den folgenden Jahren, als Fischau für lange Zeit keine Pfarre war, werden nur die geschwärzten Mauern dagestanden sein. Irgendwann sind sie wieder überdacht worden, notdürftig auf die althergebrachte Weise, bis 1683 der Ort und die Kirche ein zweites Mal von den Türken verwüstet wurden. In den hundertfünfzig vorangegangenen Jahren hatten nicht nur die Türken unseren Vorfahren zu schaffen gemacht, noch viel einschneidender waren die Auswirkungen der Reformation, die nach 1519 wie ein Flächenbrand ganz Mitteleuropa erfasst hatte, während in Italien und Frankreich die Architekten den Stil der Renaissance zu einer Blüte brachten, deren Früchte bei uns zumeist Importartikel blieben. Die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten, die schließlich in den Dreißigjährigen Krieg übergegangen waren, hatten kirchliche Bauherrn gelähmt und viele weltliche Kirchenpatrone um Hab und Gut gebracht. Es ist anzunehmen, dass nach dem Türkenkrieg die Fischauer Kirche wenigstens soweit restauriert wurde, dass man in ihr den Gottesdienst feiern konnte, aber mehr als das Notwendigste dürfte nicht geschehen sein. Fischau hatte seine einstige Bedeutung längst an Wiener Neustadt verloren. Die großen Klöster, aber auch Bistümer und sogar manche Pfarren waren jedoch durch Stiftungen, Spenden und die Freiheit von Abgaben reich geworden und hatten über die Jahrhunderte ausgedehnten Grundbesitz erworben. Jetzt holte man nicht nur den Rückstau auf, sondern zog die Gegenreformation, die vor allem ein Anliegen der streng katholischen Habsburger war, auch auf dem Gebiet des Kirchenbaus mit allen verfügbaren Kräften und Mitteln durch. Die Energie, mit der dies geschah, drückte sich in der entfesselten Bewegtheit des Barockstils aus, der die immer ein wenig steife Würde der Renaissance mit sich riss und sich erst hundert Jahre später in der nüchternen Rationalität des Klassizismus beruhigte.

 

5. Teil

Mit der zunehmenden Bedeutung des bürgerlichen Unternehmertums, der aufkommenden Industrialisierung und dem Finanzbedarf des Staats war die Sonderstellung der Kirche als privilegierte Wirtschaftsmacht nicht vereinbar. Von dem kirchlichen Vermögen hieß es, dass es sich in „toter Hand“ befinde, weil es nur selten den Besitzer wechselte, vor allem nicht vererbt wurde, obwohl es im Übrigen zumindest ebenso umsichtig und gewinnbringend verwaltet worden war, wie die Ländereien der großen Adelsfamilien. Im Zug der Josephinischen Reformen wurde nun in großem Umfang Kirchenbesitz enteignet und der Erlös aus dem Verkauf in dem sogenannten Religionsfonds zusammengefasst, der vom Staat verwaltet wurde. Wenn mit diesen Mitteln auch in kleineren Orten zahlreiche neue Kirchen gebaut oder wiederhergestellt wurden, geschah dies zwar mit dem Hintergedanken, dass die Seesorge für die arbeitende Bevölkerung mit geringerem Zeitaufwand betrieben werden sollte, aber für viele Gemeinden brachte ein solcher Mittelpunkt einen Gewinn an Selbstverständnis.

In diese Zeit fällt der Umbau der Fischauer Kirche, der bis auf eine sehr wesentliche Ausnahme ihr heutiges Bild geprägt hat: Der Turm hatte zunächst nicht das spitze Dach, an das wir so gewöhnt sind, als wäre es schon immer da gewesen, sondern schloss mit der klassizistischen Abwandlung einer barocken Haube ab. Vor allem aber wurde die Kirche „umgedreht“, Turm und der Eingang auf die Ostseite, der Altarraum mit einer neuen Sakristei in den Westen verlegt. Im Langhaus wurde anstelle der Flachdecke ein Gewölbe eingezogen und von Pfeilern abgestützt. Einiges barocke Strandgut – der Hochaltar und verschiedene Heiligenfiguren – bereicherte die Einrichtung. Das spitze Turmdach, die Orgel, die gemalten Glasfenster und die Bilder des Kreuzwegs kamen erst im 19. Jahrhundert dazu, auch erhielten die Wände eine dem Zeitgeschmack entsprechende Färbung und Ornamentierung, die bis 1977 die Atmosphäre des Kirchenraumes bestimmte. Elektrisches Licht und die Heizung gab es natürlich noch lange nicht, ganz zu schweigen von einem präzisen Läutwerk für die Glocken.

 

6. Teil

Aber schauen wir noch einmal die Nordwand etwas genauer an: Anders als die gegenüberliegende Südwand zeigt sie bis knapp unter die halbe Höhe ein durchgehendes Mauerwerk, darüber ist sie durch senkrechte Einschnitte unterteilt, die jeweils in der Mitte zwischen den Fenstern verlaufen und genau den Gewölbepfeilern im Inneren entsprechen. Solche Einschnitte finden sich allerdings auch an der Südwand, und es kann angenommen werden, dass sie hier wie dort mit der Verankerung der Pfeiler an den Mauern zu tun haben. Obwohl an der Nordwand keine Rest von romanischen oder gotischen Fenstern zu sehen ist, könnte dennoch dieser Sachverhalt darauf hindeuten, dass solche Fenster auch hier einmal vorhanden gewesen und ihre Spuren erst bei dem Umbau im 18. Jahrhundert verschwunden sind. Norden ist zwar keine attraktive Himmelsrichtung, aber das wird wohl kein Grund gewesen sein, um bis dahin überhaupt auf Fenster zu verzichten. Das hieße jedoch, dass damals ein Anlass bestanden hätte, um diesen oberen Teil der Wand mit den heutigen Fenstern neu hochzuziehen, wobei man offensichtlich die alten Steine wiederverwendete. Vielleicht hatte es, von Anfang an oder nach einer der Zerstörungen, wirklich eine fensterlose Nordwand als Notlösung gegeben, die man nun als unbefriedigend empfand, oder es hatte der Zustand der Mauer eine solche Maßnahme notwendig gemacht.

 

Wie wenig wissen wir doch von einer Vergangenheit, die wir aus den Geschichtsbüchern einigermaßen gut zu kennen meinen! Der Raum zwischen den Zeilen, die von den großen Ereignissen berichten, ist voll von offenen Fragen. Als einen Markstein der Architektur kann man unsere Kirche gewiss nicht bezeichnen, aber wir können trotzdem mehr von ihr ablesen, als die Augen wahrnehmen, so wie wir bei einem arg zerfledderten alten Buch, an dem trotzdem immer wieder weitergeschrieben wurde, uns gern ausdenken, was auf den Seiten, die nicht mehr entzifferbar oder überhaupt verloren sind, gestanden haben mag. Nicht zuletzt sind es gerade die blinden Stellen in dem Bild, das wir uns von dem wechselvollen Schicksal der Fischauer machen, die uns daran erinnern sollte, dass es nur die Kraft der in ihr vermittelten Botschaft war, die das Überleben dieses schlichten Baus bewirkt hat, und dass es nicht der Inhalt, nur die Form seines Ausdrucks ist, die sich im Lauf der Zeit gewandelt hat.